Die Mauer

Es war einmal ein kleines zartes Mädchen, mit Augen so blau wie das Meer und silberblondem Haar, leuchtend wie Mondenschein.
Eines Tages wachte sie auf und stellte fest, dass sie gewachsen war, aber sie war zu ungelenk, sich zu erheben und sie hatte Angst, zu stürzen.
Wie sie so dasaß, in mitten von Trubel und Lärm, bemerkte sie, wie laut, grell und erschreckend diese Welt war und beschloss, eine Mauer um sich herum zu errichten.
Stein um Stein wuchs die Mauer, wurde höher und dichter.
Der Lärm drang nur noch gedämpft zu ihr hindurch. Die Grelle des Lichts wich der Dunkelheit und es herrschte eine milde Wärme.
Doch mit der Zeit wurde es ihr unbequem, denn sie wuchs weiterhin und hatte das Mauerwerk zu dicht erbaut. Sie konnte sich kaum noch bewegen und die Luft wurde ihr langsam knapp.
Außerdem war es dunkel und einsam.
Sie konnte nur noch Mutmaßungen darüber anstellen, was um sie herum geschah, hörte nur Gesprächsfetzen, wenn sie ihr Ohr ganz nah an die Mauer drückte.
Und ihre Augen waren schwach geworden. Sie tastete und konnte nicht mehr unterscheiden, was Mauer und was sie selbst war.

So vergingen die Jahre bis eines Tages eine freundliche Fee durch einen Spalt hindurchschlüpfte.
Sie brachte ein sanftes Licht ins Dunkel.
Die Fee fragte das Mädchen, das inzwischen zur Frau gereift war: „Warum sitzt du hier im Dunkeln? Draußen scheint die Sonne! Komm doch mit!“
Die Frau antwortete: „Ich kann nicht. Was, wenn meine Beine mich nicht tragen können?“
Doch die Fee reichte ihr die Hand, sodass sie sich erheben konnte. Denn so klein die Fee auch war, so groß waren ihre Kräfte.
Und die Frau erschrak, denn es brauchte nur einen leichten Stoß und das Mauerwerk zersprang.
Sie fiel zu Boden und schloß die Augen, aus Angst, zu sehen, was sie fürchtete.
Und die Fee begann zu erzählen.
Sie beschrieb eine Rose, rot und zart und doch so robust und stachelig, dass man aufpassen musste, sich nicht zu verletzen.
Sie beschrieb einen Fluß, der einen Wald durchquerte, eine weite Landschaft erreichte und schließlich zum fröhlich plätschernden Strom wurde.

Langsam öffnete die Frau ihre Augen, tastete nach dem Grund, dem frühlingswarmen Gras, erhob sich und bemerkte, dass ihr Flügel gewachsen waren.

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